Lärm am Arbeitsplatz vermeiden

Akustik im Büro: Wissen und Irrtümer der Raumakustik!

Ein wichtiges Thema, dass nicht erst seit geraumer Zeit die Arbeitswelt beschäftigt. Und doch bringt es viele Menschen im wahrsten Sinne des Wortes an den Rande des Wahnsinns. Insbesondere der nachhaltig anhaltende Trend des Großraumbüros (auch open space genannt) hat das Thema Raumakustik und dessen zu meist schlechte Konsequenzen von Schall und Lärm im Arbeitsumfeld für viele Menschen in den Mittelpunkt gerückt.

Open+Space

Stress durch Lärm ist leider zur Tagesordnung für viele Menschen geworden.

Schon Dr. Robert Koch (link zu Wikipedia) prognostizierte bereits im 19. Jahrundert: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso bekämpfen müssen, wie Pest und Cholera.“ Und er hat (leider) Recht behalten. Denn Lärm, wie es allgemein heißt, begegnet uns überall im Leben und ist zu Recht zu einer Belastung geworden: Straßenlärm, verursacht durch laute Autos, Lärmende, überfüllte Einkaufsmeilen und Shoppingsmals, Flächenverdichtungen in Großstädten, Infrastruktur wie LKW und Bahn und zu Letzt dann auch noch der Lärm am Arbeitsplatz. Überall begleitet er uns und lässt uns nicht mehr los, es fehlt die notwendige Entspannung. Und insbesondere im Büro geht es ja auch überwiegend um eigens und durch Kollegen, Teammitglieder verursachten Schall: Die Stimme! Während hingegen unsere technischen Ausstattungen immer besser (=leiser) werden, wird unser Verständigungsorgan mehr und mehr zum Problem. Denn der Spagat zwischen Kommunikation und Konzentration ist gewaltig und erschwert vielen den Arbeitsalltag. Stress durch Lärm ist leider zur Tagesordnung für viele Menschen geworden.
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Warum ist Lärm störend?

Unser Gehör, genau wie unsere 4 weiteren Sinnesorgane, ist darauf ausgelegt uns vor Gefahren zu beschützen. That´s it: Es dient zu unserem Selbstschutz; damit wir überleben. Hören wir ein plötzlich lautes Geräusch (bspw. einen lauten Knall), reagieren wird kurz körperlich mit einem zusammenzucken und „in Deckung gehen“. Die Aktion (Knall) führt zu einer Reaktion (Deckung), rein zu unserem Selbstschutz.
 
Unser Gehör erfüllt aber noch eine ganz andere wichtige Funktion: In Zusammenarbeit mit unserem Gehirn, werden die über den Gehörgang aufgenommen Informationen (durch Schallwellen) im Gehirn aufgenommen und bewertet:
Ist die eintreffende Information für mich (überlebens)wichtig? Dem Ergebnis entsprechend, reagiert auch hier der Körper wieder durch entsprechende Maßnahmen. Beispielsweise aktiviert er kurzfristig den Sympathikus (ein Teil des Hormonsystems)
der für den Fluchtmodus bzw. Gefahrenmodus sorgt: Adrenalin wird ausgeschüttet, alle notwendigen Schritte für eine Flucht werden eingeleitet; der Körper erzeugt Stress! Stress um zu überleben. Nimmt Stress überhand, folgen Erkrankungen – ob wir wollen oder nicht!

Sprache hat Konsequenzen – der irrelevante Spracheffekt

Du bist skeptisch? Dann pass auf und probiere es bitte selbst einmal und lies nachfolgenden Satz laut vor:

Denke jetzt bitte nicht an einen blauen Elefanten!

Welches Bild hattest du vor deinem geistigen Auge, als du den vorherigen Satz laut gelesen hast? Siehst du, genauso verhält es sich mit der Sprache. Sprache erzeugt Bilder in unserem Kopf – ob wir wollen oder nicht! Und unser Gehirn ist permanent damit beschäftigt herauszufinden, ob die eintreffenden Sprachinformationen für uns relevant sind oder nicht. Eine permanente Auswertung, eine Höchstleistung unseres Gehirns. Fluch und Segen in einem.

Zurück ins Büro. Teilen Sie mehre Menschen einen Raum tritt in der Regel mindestens ein Problem auf. Je nach Beschaffenheit der Räume können diese als zu laut empfunden werden. Dies hängt – achtunge jetzt wird es technisch – zunehmend mit der physikalischen Kenngröße „Nachhallzeit“ welche in Sekunden angegeben wird in enger Verbindung. In der Raumakustik spricht man von ‚Konditionierung‘ der Räume, das bedeutet, in wie weit die Nachhallzeit an den Zweck des Raums angepasst ist.

Dafür gibt es sogar eine DIN-Norm, nämlich die DIN 18041 welche die s.g. Hörsamkeit von Räumen der unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten vorgibt und als gute Orientierung dient. So hat zum Beispiel ein Klassenzimmer/Besprechungsraum eine andere Anforderung an die Nachhallzeit, als ein (Großraum)Büro. Je „halliger“ (Echo!) wir einen Raum wahrnehmen, desto höher (schlechter) ist seine Nachhallzeit. Dies wird klar wenn wir an ein komplett leeres Zimmer denken. Je niedriger (Besser) hingegen die Nachhallzeit ist, desto ‚ruhiger‘ wird der Raum wahr-genommen. Denke beispielsweise an ein Tonstudio.

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Eine weitere wichtige Kenngröße ist der Speech Transmission Index, kurz STI genannt, und lässt sich mit „Satz- und Wortverständlichkeit“ übersetzen. Er sagt vereinfacht gesagt aus, wie gut die Verständlichkeit der Sprache in einem Raum gegeben ist und hängt eng mit der Nachhallzeit zusammen. Will man also ‚gut Verstanden‘ werden, sollte dies in erster Linie in Besprechungsräumen (Meetingraum, Klassenzimmer, Konzertsaal etc.) umgesetzt werden. In einem Großraumbüro mit mehreren Mitarbeitern hingegen ist dies alleine jedoch stark kontraproduktiv, da uns diese „klare, verständliche Sprache“ stark ablenkt, denn wir prüfen stets
unbewusst, ob diese Information für uns relevant ist und haben im schlimmsten Fall sogar Bilder dazu im Kopf und empfinden dies letztlich als sehr störend. Wir müssen uns zunehmend konzentrieren um aktiv weghören. Somit bleibt festzuhalten, dass eine optimale Nachhallzeit zwei Seiten der Medaille hat bzw. es in manchen Räumen nicht ausreichend, nur diesen Parameter zu beachten.

Nachhallzeit vs. Direktschall

Nachdem jetzt die Nachhallzeit nach DIN 18041 nicht für alle Belange die alleinige Lösung eine gute Akustik im Büro zu erreichen, müssen wir noch die Begrifflichkeit Direktschall hinzuziehen. Direktschall steht für die Schallausbreitung im Raum und wird wiederrum mit der räumlichen Abklingrate [dB]  in Verbindung gebracht. Die räumliche Abklingrate ist eine Kenngröße, um die Beurteilung von großen bzw. offenen Flächen vornehmen zu können.
 
Sie ist physikalisch gesehen eine ermittelte Schallpegel-minderung und besagt wieviel des Schalldrucks im Abstand von 4 Metern von Sprachquelle noch übrig bleiben. Also wie gut ein Schallschutz Maßnahme funktioniert. Je weniger Direktschall (hohe Abklingrate) in den Raum übertragen wird, desto besser Verhält es sich mit der Raumakustik allgemein.Diese Erkenntnisse werfen einen ganz neuen Blickwinkel auf  die Themen Arbeitsplatzgestaltung im Hinblick  auf die Komponente der Raumakustik und stellt Unternehmen vor ganz neue Aufgaben.

Unternehmen sind in der Pflicht für eine angemessene und spezifische Akustiklösung zu sorgen.

Unternehmen müssen sich heute fragen, wie Sie selbst den steigenden Zahlen von Erkrankungen entgegenwirken können. Aktuellste Erkenntnisse und Studien (beispielsweise KRANKENKASSE XY) belegen, dass es in den letzten Jahren einen rasanten Anstieg von physischen und vor allem psychischen Erkrankungen gab und dieser Trend aktuell weiter steigen wird – ein Ende ist auch leider nicht in Sicht. Und leider besteht auch nachwievor ein direkter Zusammenhang mit Stress im Berufsleben, vordergründig mit Stress am Arbeitsplatz.
 
Ebenso wird auch der Trend zum open space weiterhin bestehen bleiben, denn insbesondere die positiven Gedanken von Offenheit und Transparenz, die kurzen Wege und somit der Gedanke des schnellen Informationsaustauschs ist in heutigen Zeiten des rasanten Wettbewerbs für Unternehmen essentiell und sogar überlebenswichtig geworden. Nebenbei sprechen die Flächeneffizienz (Knappheit bei Immobilien und steigende Miet- & Nebenkosten) sowie sich wandelnde Arbeitsmodelle (bspw. Desk-Sharing, Activity-Based-Working-Konzepte, Nomadenarbeitsplätze etc.) weiterhin für die Nutzung von open space Konzepten. Jedoch darf dies niemals zu Lasten der Mitarbeiter gehen und eine simple Schablone angesetzt werden. Moderne Akustiklösungen, welche den individuellen Anforderungen des Unternehmens, teilweise sogar den unterschiedlichen Abteilungen, und den räumlichen Gegebenheiten angepasst werden sollen gibt es! Diese müssen nur vernünftig beraten, professionell geplant und letztlich konsequent umgesetzt werden.

Wer sich so ausrichtet, wird sein Unternehmen voran bringen. Es ist kein Geheimnis, dass die Leistungsfähigkeit von uns zum Großteil von unserem Umfeld abhängt. Neben den Menschen, mit denen wir leben und arbeiten, spielt auch das räumliche Umfeld, also der Raum in dem wir wirken, eine signifikante Rolle. Oder wachsen auf dem Sand in der Wüste Blumen? Da kann unendlich viel Wasser gegossen werden, Blumen wachsen dennoch nicht…

Wer sich seiner Verantwortung stellt, seiner Haltung bewusst wird und sein Handeln konsequent danach ausrichtet wird als Gewinner hervorgehen. Doch fangen wir mal bei den vermeintlich kleinen Dingen an. Sie werden auf die Menschen, Ihre Mitarbeiter und Kollegen in Ihrem Umfeld eine große Wirkung haben. Sie werden zufriedene und produktive Mitarbeiter haben und neue gewinnen, deren Loyalität entsprechend Partner und Kunden automatisch folgen werden.

Ein paar erste Ideen? Bitteschön:

  •  Hören Sie aktiv zu und kommunizieren Sie offen über die vorherrschenden aktuellen Probleme. Nehmen Sie die Aussagen ernst, den Akustik ist sehr oft subjektiv.

  • Reden Sie nicht nur davon, etwas zu ändern, sondern ändern Sie es auch zeitnah. Suchen Sie sich die Befürworter heraus, denn diese werden den Rest nachziehen.

  • Wählen Sie sehr behutsam einen adäquaten Partner aus, der Sie vollumfänglich und mit nachweisbarer Expertise bestens und authentisch beraten kann. Nehmen Sie dazu Abstand von klassischen Fachhändlern, die i.d.R. nur Produkte verkaufen wollen. Sie zahlen doppelt!

  • Seien Sie offen für Vorschläge und überdenken Sie alte Muster und Gewohnheiten, wenn Sie etwas nachhaltig ändern möchten.

  • Erwerben Sie Lösungen nicht nur rein an Hand des Preises, sondern wägen Sie den bestmöglichen Nutzen ab. Wer falsch kauft, kauft zweimal!
Abschließend bleibt festzuhalten, dass wir mittlerweile zum Wohle der Mitarbeiter einen sehr fortgeschrittenen Wissensund Erkenntnisstand rund um das Thema Akustik im Büro haben. Doch die Kunst ist es , wie so oft im Leben: Wissen ist das Eine, Können und Anwenden ist das Andere – Irrtum ausgeschlossen.


Autor: Sebastian Lech, / Lech Büroplanung